Dada at it’s best

Reinald Grebe. Äh ja, kenn ich. Ob ich den mag? Na ja. Geht so. Also von dem kenn ich das Brandenburglied. Das ist ja schon witzig, irgendwie. Aber sonst? Also, ich weiß nicht! So oder so ähnlich war meine Meinung über diesen – ja, was eigentlich? – Comedian? Kabarettist? Keine Ahnung! Und irgendwie hatte ich mich auch nie mit ihm auseinander gesetzt. Und dann finde ich plötzlich zwei Karten für ein Grebe-Konzert auf meinem Gabentisch zum 60sten. Thomas hatte sich das ausgedacht, in der sicheren Überzeugung, ein so ausgeflippter Alter wie ich muss auf so ausgeflippte Künstler mit Indianerschmuck auf’m Kopf stehen. Also, ich gestehe: Ich war schon etwas konsterniert über dieses Geschenk. Aber gut, die Liebste und ich, wir machen ja alles mit. Und ’nem geschenkten Gaul guckt man nicht in’s Maul.

Am 17. Juli war es soweit. Im Burggarten der Burgruine Dreieichenhain sollten wir unser rainaldiges Wunder erleben! Los ging es schon mal bedenklich. Das Gestühl war offensichtlich für Zwerge errichtet worden. Sitzschalen in Barbiepuppen-Format. Und Schalen kann man wörtlich nehmen. Mit hohem Rand. Auf dass die Schweißtropfen nicht auf den Fußbaden schwappen. Und der Blutfluss in den Oberschenkeln bestens unterdrückt wird. Nach 5 Minuten Sitzens auf der noch leeren Tribüne war klar: Es würde Thrombosen ohne Ende geben! Schnell die Gelegenheit ergriffen und noch etwas aufgestanden, Beine vertreten, Foto machen.

Dann wird es voller. Ausverkauftes Haus, wie es scheint. Viele in unserem Alter, wenig Junge. Und dann kommt Rainald auf die Bühne gesprungen, wo ein Flügel und ein Haufen Müll auf ihn wartet. Er hat diesmal keinen Indianderschmuck auf (der kommt später), dafür ein rosa Ballettröckchen und ein rosa Kopftuch. Dazu eine Anzugjacke und die unvermeidliche, ausgebeulte Karottenhose. Also, ganz ernst scheint es heute nicht zu werden. Rainald freut sich über den frenetischen Applaus und fängt an Volkslieder zu spielen. Volkslieder? Geht’s noch? Sind wir hier bei Karl Moik oder auf’m Ballermann? Nein, wie sind bei Rainald Grebe und das merkt man dann an den nicht mehr ganz originalen, dafür um so mehr originellen, Texten. Die Gassenhauer-Melodien tun ein Übriges und wir sind bald alle in Schunkelstimmung.

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Der Herr Grebe macht Blödsinn. Herrlichen Blödsinn. Dadaismus in Reinform. Das macht richtig Spaß, obwohl manches einfach nur albern ist. Dazwischen aber immer wieder böse Spitzen, ganz gekonnt und treffsicher platziert. Das ist die eine Seite, die andere ist die larmoyante Seite von Rainald Gebe. Die kommt zum Vorschein, wenn er über sein Leben auf Tournee singt oder über die Pubertät und wie wenig erfreulich das manchmal ist. Da mischt sich unter die Gags so was wie Selbstmitleid. Und das geht uns irgendwann auf den Geist. Und wir erwarten das Ende des Konzertes, auch weil wir unsere Beine nicht mehr spüren. Rainald aber fühlt sich sauwohl und spielt einfach weiter. Zweieinhalb Stunden lang albert er am Flügel rum, verkleidet sich ständig, schäkert mit seinem Ton- und Lichtingenieur, der per Video auf einer Leinwand zu sehen ist, wie er scheinbar wenig begeistert ebenfalls auf den letzten Ton hofft. Das Publikum ist aus dem Häuschen, spendet stehende Ovationen und lässt Rainald immer wieder auf die Bühne kommen, bis der, völlig aufgelöst, endlich aufgibt. Nicht böse sein, Rainald, wir hätten dir noch stundenlang zuhören können, wenn wir keine Beine oder wenigstens bessere Stühle gehabt hätten.

Als endlich das Kribbeln in den Beinen nachließ und die Blutzirkulation ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte, wir im klimatisierten Auto saßen und später vor zwei fettigen Hamburgern, war es Zeit Resümee zu ziehen: Es war ein kurzweiliger, lustiger, schöner Abend! Danke, Thomas! Wirst zum nächsten Geburtstag wieder eingeladen!

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